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Heinz-Jürgen Zeidler
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Ein Beitrag aus Band 2 der gelben Buchreihe "Zeitzeugen des Alltags" von Jürgen Ruszkowski
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Heinz-Jürgen Zeidler wurde am 14. September 1937 in Berlin geboren. Bis zu seinem 14. Lebensjahr wuchs er dort auf.
Sofort nach seiner Schulentlassung fing er am 29. Mai 1952 als Decksjunge auf dem zuvor von den Briten zurückgekauften 10.000-Tonnen-Ölbrenner-Dampfschiff „Reg 2“ der in Hamburg ansässigen Reederei Deutsche Seeverkehrs-AG an. Das Schiff fuhr von Rotterdam Zucker nach Alexandria in Ägypten und danach von Saloniki in Griechenland Erz zurück nach Rotterdam. Heinz-Jürgen war einer von zwei Decksjungen. „Der andere Moses war Manfred Kern. Wir wechselten uns wöchentlich ab. Einer von uns war an Deck tätig, der andere klarte die Kammern auf und musste in der Messe aufbacken. Auf der Rückreise beschuldigte mich einer der Altmatrosen ungerechtfertigter Weise des Kameradendiebstahls. Da von solchen Vorwürfen meistens etwas am Beschuldigten hängen bleibt, musterte ich am 4. August 1952 nach gut zwei Monaten in Rotterdam lieber ab und suchte mir einen neuen Job.“
Schon zehn Tage später fand er bei der Reederei J. A. Reinicke ein neues Schiff, die „Benno“, auf dem er in der Nord-Ostseefahrt gut einen Monat blieb. Ende September 1952 wurde ihm ein Schiff unter niederländischer Flagge bei Müller/Rotterdam angeboten. „Das war nichts für mich und ich bin nach zwei Tagen gleich wieder ausgestiegen.“ Zwischen Mitte Dezember 1952 und Anfang März 1953 war er noch auf zwei Schiffen jeweils einen Monat lang als Moses tätig. Vom 12. Mai bis 1. Juni 1953 fuhr er als Leichmatrose und vom 3. Juni bis 27. Juni 1953 als Kochsmaat, vom 19. August 1953 an wieder als Leichtmatrose, diesmal in der Hochseefischerei vor Island und Grönland. Am 11. November wurde er zum Matrosen ernannt. Am 26.11.1953 musterte er ab.
Als er am 10. Januar 1954 wieder auf einem Schiff in der Großen Fahrt, nämlich auf der „Ernst G. Russ“ bei der Hamburger Reederei Ernst Russ einstieg, musste er wieder als Jungmann anfangen, da die Fischdampferlaufbahn in der Handelsschifffahrt nicht anerkannt wurde. Ab 19. Juni 1954 wurde er dann als Leichtmatrose gemustert und fuhr als solcher bis Ende November 1954. Danach hielt sich Heinz-Jürgen 13 Monate in Uruguay auf und stieg am 29. Januar 1956 in Montevideo auf der „Hein Heuer“ der Hanseatischen Reederei Emil Offen & Co. ein. Diese Fahrzeit dauerte 7 ½ Monate bis zum 16. September 1956. Nach einer kurzen Reise im Oktober 1956 fuhr Heinz-Jürgen vom 20. Mai bis 11. Oktober 1958 ebenfalls bei der Hanseatischen Reederei Emil Offen & Co. auf der „Karpfanger“, zunächst noch als Leichtmatrose. Am 12. September wurde er zum Matrosen befördert. „Mit diesem Schiff wurde ein neuer Liniendienst zwischen Hamburg und Hawaii eröffnet. Wir fuhren mit Stückgut und Autos durch den Panama-Kanal und die US-Westküste hinauf bis Vancouver und dann hinüber nach Hawaii. Später wurde dem Schiff in Emden ein Autodeck eingebaut.
Eine kurze Reise vom 16. Oktober bis 19. November 1958 auf dem 999er Kümo „Jasewitz“ schloss sich an. „Das Schiff hatte einen Baufehler, der seine Sicherheit gefährdete, weil es in kritischen Situationen immer wieder zu Manövrier-Abweichungen kam. Später bekam das Schiff Kanalverbot im NOK, weil die Kanallotsen immer wieder Ärger beim Manövrieren hatten. Im Skagerrak gerieten wir bei Windstärke 11 in Seenot, weil das Schiff in Bremen mit Schwimmsteinen als Deckslast überladen worden war. Wir hatten über 40° Schlagseite. Es sollte schon per SOS ein Schlepper aus Norwegen angefordert werden. Da rettete der Alte die Situation durch ein Manöver: Maschine Stopp und voll rückwärts. Dadurch kamen wir wieder aus der extremen Schlagseite heraus. In Nordschweden gerieten wir in einen Eissturm. Alles an Deck war extrem vereist. Als wir in Nordschweden in den Hafen einliefen, filmte uns das schwedische Fernsehen mit unserer Eisdekoration.“
Vom 9. Dezember 1958 bis zum 10. Februar 1960 fuhr Hans-Jürgen 13 Monate bei der Hamburger Reederei Aug. Bolten Wm. Miller’s Nfl. auf der „Süllberg“ in Westafrika immer zwischen Ghana und Nigeria hin und her. Das Schiff war an die Black Star Line verchartert. Man brachte in zwei Tagen Kohle von Port Harcourt nach Takoradi. Zurück ging es leer. Eine Reise dauerte immer eine Woche. „Afrikaner fuhren mit Kind und Kegel als Deckpassagiere mit. Sie hausten unter einem großen Zelt, das an Deck aufgespannt war und kochten auch selber an Deck. Pro Kopf hatten diese Passagiere 5 Nigeria-Pfund (etwa 60 Mark) zu zahlen.“
„In Takoradi wäre ich beinahe im Atlantik ertrunken. Beim Landgang landete ich weit außerhalb der Stadt in der Nähe eines Negerkrals an einem schönen einsamen Strand, wo ich badete. Als ich wieder aus dem Wasser heraus wollte, war der Brandungssog jedoch so stark, dass ich nicht dagegen an zu schwimmen vermochte. Ich fürchtete schon um mein Leben. Dann atmete ich möglichst weit die Luft aus und schwamm unter Wasser am Grund an das Land zu. Dadurch gelang es mir doch noch, wieder ans rettende Ufer zu kommen.“
Zwischen Februar und August 1958 hielt sich Hans-Jürgen in Berlin auf, weil eine Freundin ein Kind von ihm erwartete. Als sie ihm am 22. Dezember 1960 einen Sohn gebar, war er jedoch schon wieder auf See. Sieben Jahre später heiratete er die Mutter. Die Ehe wurde allerdings nach fünf Jahren 1972 wieder geschieden.
Am 18. August 1960 bis 13. Januar 1961 ging’s wieder zur See. Weitere Fahrzeiten: 1.3. bis 8.6.1961 und 11.7.61 bis 18.6.62.
Auf dem Tanker „Günter Russ“ fuhr er zwischen dem Persischen Golf, Venezuela und Europa. Heinz-Jürgen erinnert sich, dass der Kapitän dieses Schiffes Romane schrieb.
Bei Knöhr & Burchard Nfl., Hamburg, fuhr er auf der „Dahlbek“ und vom 18.8.1960 bis 13.1.1961 auf der „Rodenbek“ in Charter für die niederländische Reederei KNSM mit Stückgut in die Karibik, nach Honduras und Guatemala.
Vom 17. November 1962 bis 19. Februar 1963 war Hans-Jürgen mit deutscher Sozialversicherung unter Liberia-Flagge bei dem griechischen Reeder Nearchos auf der „World Cavalier“ tätig. „Dieser Reeder pflegte immer vier Jahre lang eine billigere griechische und anschließend ein Jahr lang eine deutsche Besatzung zu fahren, die das dann inzwischen heruntergewirtschaftete Schiff wieder in Ordnung brachte. Wir fuhren mit einer Ladung Kohle nach Japan und luden anschließend in Chile Salpeter.“
Heinz-Jürgen erzählt dazu folgende Story, die kein Seemannsgarn sei: „Als wir mit dem Schiff in Toba lagen, wollte ich den Landgang dazu nutzen, um in dem 30 Automeilen entfernten Moji ein Mädchen zu besuchen, das ich bei einem Aufenthalt vor einigen Jahren kennen gelernt hatte. Da ich den Weg zum Bahnhof nicht wusste, fragte ich auf englisch einen älteren Herren auf der Straße, der mir durch eine Blindenarmbinde aufgefallen war, nach dem Weg. Er beschrieb ihn mir, meinte aber, als Seemann dürfe ich die Hafenstadt nicht verlassen. Ich entgegnete ihm, auch wenn er der Kaiser von China sei, könne er mir mein Vorhaben nicht verbieten. Plötzlich sah ich, dass eine größere Gruppe von Menschen auf der anderen Straßenseite aufgeregt zu uns herüberschaute. Es stellte sich heraus, dass ich zwar nicht den Kaiser von China, sondern den japanischen Tenno Hirohito angesprochen hatte und die Leute auf der anderen Straßenseite zu seinem Hofstaat-Gefolge gehörten, die ihm in diskretem Abstand folgten. Der Tenno führte mich noch in ein Teehaus und zeigte mir in einem Hinterraum an einer Wand ein Bild und erklärte mir, hinter diesem Bild befände sich ein Tresor, in dem die von den Alliierten diktierte und von ihm unterzeichnete und besiegelte Kapitulationsurkunde verwahrt sei.“
Durch die Jahre 1963/64/65 bis hin zum Februar 1966 schließen sich kontinuierlich Fahrzeiten an: z.B.: 2.10.64 bis 12.2.65, 11.9.65 bis 5.2.66, 1.4. bis 31.7.69. Nach einer Pause fuhr Heinz-Jürgen wieder ab April 1969 bis 1971. Vom 12.3. bis 25.6.1970 war er als Bestmann auf einem Kümo in der Nord-Ostsee-Fahrt tätig. Im Juli 1971 übergab ihm ein Vertreter seiner Reederei zehn Tage nach der Anmusterung die Kündigung mit der Begründung, er sei als Altmatrose zu teuer. Daraufhin gab er die Seefahrt auf und arbeitete forthin in Berlin an Land beim Forstamt Grunewald und beim Gartenbauamt Charlottenburg. Nur im Urlaub besuchte er ab und an für ein paar Tage Hamburg und wohnte dann im Seemannsheim am Krayenkamp.
„Berlin gefällt mir als Wohnort nicht. Nachdem mein Sohn 1994 im Alter von 33 Jahren an Aids verstorben ist und kürzlich auch meine Mutter verstarb, hält mich dort nichts mehr. Was soll ich dort als Rentner? Meine Wohnung habe ich an einen Kumpel abgetreten und will mich jetzt in Hamburg niederlassen. Bis ich eine passende Wohnung gefunden habe, will ich noch im Seemannsheim bleiben.“
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