Armin Guske

Asienfahrer Armin Guske

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Ein Beitrag aus der gelben Buchreihe "Zeitzeugen des Alltags" von Jürgen Ruszkowski

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Nautiker zwischen Asien und Mitteleuropa

Armin Guske kam am 10.11.1953 in Hamburg zur Welt und verbrachte hier seine frühen unbewussten Kindertage.  Seine weitere Kindheit verbrachte er in Großensee im Nordosten von Hamburg, wo sein Vater heute noch lebt.  Dort lernte er in der dreiklassigen Dorfschule (9 Jahrgänge in drei Klassen) lesen und schreiben.  In Trittau besuchte Armin anschließend die Realschule.  Dass er diese vorzeitig ohne Abschluss verließ, bedauerte er später, holte den Hauptschulabschluss aber nach und erwarb sich das für seine jetzige Tätigkeit nötige Allgemeinwissen auf anderem Wege. 

Er erlernte zunächst von 1969 bis 1972 den Beruf des Lebensmittel-Einzelhandelskaufmanns und erhielt den Kaufmannsgehilfenbrief.  Die Bundeswehrpflicht leistete er voll ab.  Anschließend war er fünf Jahre bis 1978 bei der Konsumgenossenschaft Produktion eG, zuletzt als Filialleiter tätig.  „Dann kam die Krise. Ich sagte mir:  Das ist nicht das Ding.  Ich hatte genau so viel Stress, wie heute als 1. Nautischer Offizier, viel Belastung, aber wenig Geld.“  Es war die Hippi-Zeit.  Wie viele junge Leute damals zog auch ihn das Fernweh nach Indien, aber nicht auf dem damals gängigen Landweg.  Damals (1978) war das ja noch einfach.  Er wollte zunächst Geld verdienen, um damit Flugreise und längeren Aufenthalt finanzieren zu können.  In der Seefahrt konnte man zu jener Zeit auch als Ungelernter noch schnell einen Job finden.  „Hin zum Arbeitsamt:  Morgen kannst du als Decksmann auf einem Bananendampfer einsteigen. - Seefahrt war für mich immer Mittel zum Zweck – und das ist sie bis heute auch geblieben.  Ich bin kein Karriereseemann – werde ich auch nicht werden.“

Am 5.07.1978 hielt er sein erstes Seefahrtbuch in der Hand und stieg zu seiner ersten Reise bei der Reederei Frigomaris auf MS CHERRY ein.  Es ging nach Zentralamerika, von dort mit Bananen nach Los Angeles, weiter mit Zitrusfrüchten nach Yokohama und Hongkong.  Zurück führte die Route über Japan und von dort mit Autos nach Chile.  Nordwärts ging es durch den Panamakanal nach Puerto Limon  in Costa Rica und weiter nach Europa: Rotterdam – Hamburg.  Während der fünfmonatigen Reise konnte Armin sich als Decksmann die ersten seemännischen Handfertigkeiten erwerben.  „Mit meiner Land-Arbeitsmoral war ich der Star, weil die sonst an Bord anwesenden Bagaluten jeden zweiten Tag besoffen in der Ecke lagen.“  Die Schiffsführungen hätten damals oft Probleme mit den eigenen Mannschaften gehabt.  Die deutschen Seeleute waren fast alle Junggesellen, die für niemanden Verantwortung trugen, die Philippinos hingegen Familienväter, die zu Hause Geld abgeben mussten, damit die große Familie etwas zu beißen hatte.  Gute Leute waren Mangelware. 

Wie gesagt, die Arbeit an Bord sollte dazu dienen, eine Reise nach Asien zu finanzieren.  Armin kaufte mit der verdienten Heuer ein Flugticket und startete seinen ersten Trip nach Nepal und Thailand.  „Ich war 24 Jahre jung.  Es reizte mich das Abenteuer, zum Beispiel die wilden Elefanten im Bush.  Als ich dort war, zogen damals vor den Elefanten doch am meisten die Girls.“  So blieb er, bis das Geld alle war.  Seither pendelt er ständig zwischen Ostasien, Seefahrt und Hamburg.  Seine Urlaube zwischen den Seefahrtzeiten verbringt er fast immer im fernen Osten, mal sechs, mal acht Monate lang.    „Damals gab es in Thailand eine Million Touristen p.a., heute zehn Millionen.  Außer Nordkorea und Brunei (dem Zwergstaat auf Borneo) habe ich alle ostasiatischen Länder kennen gelernt.  Vor 12 Jahren schon unternahm ich eine Fahrradtour durch Vietnam und letztlich erneut einen Biketrip.  1979-80-81 machte er von Pnom Peng aus Motoradtouren durch den Dschungel..  Oft bin ich per Motorrad auf Bushpisten durch Vietnam und Kambotscha dorthin unterwegs, wohin kein Auto kommt.“

Es reizt ihn das Ursprüngliche im Land, wenn kein elektrischer Strom, keine Tankstellen mehr zu finden sind.  In diesen Ländern herrsche eine rasend schnelle Entwicklung, die Leute seien sehr konsumbetont: Jeder strebe nach eigenem Moped und Fernseher.  Leider lebe man nach den chaotischen Kriegsjahren überwiegend auf Kosten internationaler Hilfsorganisationen.  Die beste Hütte in fast jedem Dorf gehöre der UN.  „Wenn die einen Weißen sehen, denken sie immer, man käme von einer Hilfsorganisation. -  In Flüchtlingslagern mit einer Million Flüchtlingen hätten die Leute für ihre Verhältnisse ganz gut gelebt und wüssten heute gar nicht mehr, wie man ein Reisfeld bestellt.  Das Resultat sehe man heute.  Die Khmers hätten nicht den Antrieb wie die Thais oder Vietnamesen, die ganz harte Arbeiter seien.  Sie seien eben doch eine ganz andere Rasse mit anderer Kultur.  Armin spricht und schreibt fließend Thai und etwas Khmer.  Erlebnisse habe er mehr auf Asienreisen, als in Seefahrt sammeln können.

Als in Asien die letzte Mark weg war, habe er dann früher wieder in der Seefahrt angemustert.  Seine zweite Reise als Decksmann machte er bei der Reederei Richard Schröder auf  MS MARTIN SCHRÖDER in der Westafrika-Fahrt.  In 14-Tage-Reisen ging es von Hamburg nach Nigeria.  Unter den damaligen katastrophalen Hafenverhältnissen musste sein Schiff mit einer Ladung Zucker meistens vier Monate auf Reede liegen, bevor es löschen konnte.  In Nigeria herrschte ein Ölboom: Für Ölgelder wurde alles aus dem Westen gekauft, was westliche Geschäftsleute den Regierenden aufschwatzten.  Hunderte Schiffe lagen vor Lagos auf Reede.  Ohne Korruption und Schmiergelder lief nichts.  Dort herrschte das Chaos.  Frischwasser war an Bord  knapp und wurde rationiert: 2 Eimer pro Tag pro Person.  Duschen war nicht möglich.  Man konnte zwar Wasser kaufen, es war aber sehr teuer.  Für 2 Reisen blieb Armin an Bord: 8 Monate.  Zweimal wurde Zucker gelöscht. 

Damals kamen die ersten Vollcontainerschiffe in Fahrt.  Bei Reederei Ahrenkiel lernte Armin sein erstes Containerschiff kennen: die RHEIN EXPRESS .  Man fuhr Nordpazifik: Japan-Los Angeles, San Francisco.  Sein zweites Schiff bei Ahrenkiel war der Bulk Carrier ADRIANO .  Mit dem Schiff machte er vom US-Golf zwei Reisen mit amerikanischem Getreide für die UdSSR zum Schwarzen Meer.  Beide Schiffe verkehrten noch unter deutscher Flagge.

Auf der PORT HARCOURT fuhr er neun Monate lang für zwei Reisen mit Stückgut von Europa nach Westafrika.  Das Schiff bediente jeden Hafen bis zum Minihafen bis hinunter nach Angola.

„1985 machte ich meinen Matrosenbrief in Hamburg bei der ÖTV-Schifffahrtsschule.“

Innerhalb Indiens und Bangladeschs fuhr Armin auf der  CALABAR  unter deutscher Flagge in indischer Charter. „In Kalkutta oder Madras lagen wir jeweils eine Woche im Hafen.  Kapitän und Offiziere waren oft verzweifelt über die Hafenbürokratie und den schleppenden Gang der Lösch- und Ladearbeiten.“ 

„1989 war es vorbei mit den Chancen als Matrose, so dass ich meine Schiffsmechanikerprüfung bei der ÖTV-Schifffahrtsschule machte.“

Anschließend war Armin auf Gastankern bei Sloman-Neptun auf ETA GAS und EPSYLON GAS weltweit in Fahrt.

1993-95 besuchte er in Gründeich die Seefahrtschule und machte sein AM-Patent.  Anschließend musste er das Patent 24 Monate lang ausfahren: „Meine Bewährungszeit als Steuermann auf Zweiwachen-Kümos in der kleinen und mittleren Fahrt.“   1996 arbeitete er beispielsweise bei Reederei W. Hamman, Drochtersen auf MV TISTA .

Für Reederei Interscan (Kontor im Hamburger Zippelhaus) fuhr er als Erster Offizier zwei Jahre lang auf dem Mehrzweckfrachtschiff INDUSTRIAL MILLENNIUM unter deutscher Flagge auf großer, hauptsächlich in der Karibikfahrt.  Die Ladung bestand z.B. aus Schwergut, Generatoren, Turbinenteilen, Öl, oft Projektladung: diverse Ladung für ein bestimmtes Projekt.  Er machte im Jahr 2000 drei Fahrzeiten à fünf Monate und zwischendurch immer längeren Urlaub. Ein weiteres Schiff war die SCAN SCOT unter Isle-of-Man-Flagge unter deutschem Managemant.

„Geheiratet habe ich nie.“ - Seit  Dezember 1980 wohnt er bei Landaufenthalten immer wieder gerne im Seemannsheim am Krayenkamp der Deutschen Seemannsmission in Hamburg.

Als ich kürzlich bei der Seeberufsgenossenschaft meinen Rentenverlauf ausdrucken ließ, kam es an den Tag:  Nur 153 Monate versicherungspflichtige Tätigkeit auf deutschen Seeschiffen.  Und das inklusive Urlaub! Wenn ich nun meine kurzen Zeiten auf ausländischen Schiffen hinzuzähle, komme ich mit Hängen und Würgen auf echte 10 Jahre an Bord, und das während der letzten 25!  Was habe ich nur die anderen 15 Jahre gemacht?  Wenn ich die Zeit an den Seefahrtschulen und etwas Arbeitslosigkeit abrechne, habe ich doch mehr als 10 Jahre in Asien Urlaub gemacht, zumeist in Thailand, Kambodscha und den Philippinen.  Ohne die Seefahrt hätte ich das allerdings nicht realisieren können, jedenfalls nicht in halbwegs geordneten Bahnen.

Ich hatte es mir zum Prinzip gemacht, dass, wenn ich zum Beispiel 6 Monate an Bord verbracht hatte, ich mindestens 7 in Fernost blieb.  Schon in den ersten Jahren lernte ich die thailändische Sprache in Wort und Schrift.  Ich sah, wie die Ferieninseln Phuket und Ko Samui sich vom ruhigen Hippie-Geheimtipp (1977) zum Massentourismusziel mit Hilton-Hotel und TUI-Direktanschluss veränderten.  Bangkok hatte tatsächlich noch Klongs, wo der Briefträger und die Marktfrauen mit Booten ihren Dienst versahen.  Heute gibt es einen „Skytrain“ auf Stelzen, der über dem Verkehrschaos seine Runden zieht und tatsächlich eine U-Bahn!

Im Norden von Thailand gab es damals wie heute Bergstämme, die ich in den späten 1970er Jahren besuchte, und die damals den Opiumanbau noch offen betrieben, den Konsum auch!  Heute hat sich der kommerzielle Opiumanbau wohl mehr nach Burma verlagert, die immer zahlreicheren Touristen bekommen aber etwas „Bergstamm-Disneyland“ geboten, sogar mit Opiumpfeifchen, solange der Dollar und der Euro rollen.

Ab 1996 (und bis heute) halte ich mich vorwiegend in Kambodscha auf.  Ich hatte dort längere Zeit in der Hauptstadt Phnom Penh ein Apartment gemietet, habe es nur jetzt aufgegeben, weil ich wegen meiner Arthritis an den „Krayenkamp “ gefesselt bin.

1996 hatten gerade die UN-Soldaten das Land verlassen, die ihm zwei Jahre lang mit 30.000 Mann und vielen Dollars zu so etwas wie Frieden und Demokratie verhalfen.  In den ersten Jahren ging es dort noch recht abenteuerlich zu, ganz nach meinem Geschmack!  Das Land hatte keine Stromversorgung, also auch keine Verkehrsampeln, keine funktionierende Polizei oder andere Behörden.  Großmütter mit Colaflaschen voller geschmuggelten vietnamesischen Benzins ersetzten das Tankstellennetz, aber es gab überall auch importiertes Dosenbier und Stangeneis, um dasselbe zu kühlen.  Marihuana gab es offen auf dem Gemüsemarkt, ca. 5 $ das Pfund, und in den zahlreichen Bars der Hauptstadt Phnom Penh, in denen Ausländer verkehrten, stand das Zeug zum Teil schuhkartonweise auf dem Tresen.  Die Straßen der Hauptstadt waren hauptsächlich befahren von weißen Landrovern der UN oder ausländischer Hilfsorganisationen.  Viel Privatverkehr gab es nicht.  Zur gleichen Zeit vegetierte das einfache Volk in geradezu erschreckender Armut.

Nun, im Jahre 2002 lebt das gemeine Volk in der selben Armut.  Die Hunderte Hilfsorganisationen vor Ort haben daran nichts geändert, die weißen Landrover chauffieren immer noch UN-Mitarbeiter durch die Stadt, die sich aber gewaltig verändert hat: Kein Marihuana mehr auf dem Markt!  Es wurden sogar schon Leute wegen Besitzes und des Handels damit verhaftet!  Die Anzahl der Autos ist explodiert!  Es gibt die ersten funktionierenden Verkehrsampeln, und Polizisten versuchen sogar, den neuerdings massenhaften Verkehr dazu zu bewegen, bei Rot anzuhalten.  Zur Stoßzeit geht oftmals auf den Straßen gar nichts mehr.  Caltex und Shell haben das Land mit einem Tankstellennetz überzogen.  Marlboros, Importbier, Nescafé, Sony-TVs und chinesische Seifenopern noch im letzten Slum, gleichzeitig bitterste Armut und Verfall von Sitten und Kultur.

Seltsamerweise fühle ich mich aber nach wie vor wohl dort.  Wenn man so lange in Asien verbracht hat, ist das Leben in Deutschland keine Option mehr.  Ich arbeite darauf hin, in Südost-Asien meine Tage zu beschließen, gesund oder nicht, nicht etwa hier in Deutschland.  Dort kommt man mit der Hälfte des Geldes aus, das Wetter ist besser, und man kann noch Moped ohne Helm fahren.


 

Maritime books in German language:  fates of international sailors

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